Dienstag, 24. Juni 2014

Günter Goebel alias Guy Gilbert alias Georges Günter, DON-Akteur

 
Günter Goebel, Jahrgang 1931, ist nach eigener Aussage in Darmstadt aufgewachsen. [Witzigerweise verläuft vor dem Darmstädter Hauptbahnhof eine Goebelstrasse.] Als ich ihn kennenlernte, erzählte er, er sei früher Ralleys gefahren. Je nach Bedarf bezeichnete er sich als Journalist, Sportreporter, (Chef)Redakteur, Werbemann, Public Relations Experte, Geschäftsmann, Verleger, Fotograf, Repräsentant für Fotografen und Filmproduzent ...... Eine besondere Qualifikation habe ich ihm für keinen dieser Berufe zugestanden. Seine 'Schreibe' war indiskutabel; von Werbung hatte er keine Ahnung. Seine ausserordentlichen Fähigkeiten lagen auf dem Gebiet des quirligen, überall mitmischenden Geschäftsmannes. Seine Fähigkeit, Arbeit zu delegieren (anderen zuzuschieben), war genial. Über das, was er in jungen Jahren gelernt und gearbeitet hatte, hat er mir gegenüber nie gesprochen.

Günter Goebel lernte ich (Jens M. A. Reimer) 1967 kennen. Von Oktober 1967 bis März 1969 war ich mit Unterbrechungen in seiner Werbeagentur Pressag AG angestellt - in der Münchner Thierschstr. 23. Unter anderem gründete ich für ihn die creativ-gruppe-pressag.

Nach dieser Zeit als Pressag-Angestellter - ab 1970 - übertrug er mir (diskret) Nebenjobs: Zunächst sollte ich heterosexuelle Pornomagazine betexten [da war er sich immer noch nicht über meine sexuelle Ausrichtung sicher], später schrieb ich auch Erzählungen für homosexuelle Magazine.

Dadurch kam ich in Kontakt u.a. mit DON und mit dem Darmstädter Druckereibesitzer Henry Ferling, woraus sich zunächst eine sporadische Mitarbeit und später die Redaktionsübernahme von DON und ADAM entwickelte.

Bis etwa 1980 erhielt ich regelmässig Aufträge von Goebel; u.a. entwickelte ich für ihn zwei schwule Pornomagazine: 1976 HOM OH! und 1978 BOY OH! BOY. Ende 1980 trennten sich unsere Wege.

Günter Goebel fuhr lange Zeit - parallel - zwei Vorzeige-Nobelkarossen, einen Mercedes-Benz und einen Jaguar mit Züricher Kennzeichen (!). Siehe Abbildung, in diesem schöngefärbten Artikel über Guy Gilbert der DON-Ausgabe 5/1976, Seite 32.

Erst Ende der 90er Jahre erfuhr ich, dass er gestorben sei. (Wann???)

Günter Goebel war bisexuell, hat sich dazu aber nie 'bekannt'. Ich wusste von zwei Ehen; d.h. zwei seiner Ehefrauen habe ich persönlich kennengelernt. Seine schwule Neigung, d.h. sein Interesse für junge Männer, galt als Tabu. Seine sporadischen Jungmännerbegleiter pflegte er anderen Menschen als 'Neffen' vorzustellen. In DON und allen anderen schwulen Objekten, die er in den Folgejahren herausgegeben hat, trat er (wenn überhaupt) nie mit seinem richtigen Namen auf.

Den Titel des homosexuellen Magazins DON kaufte/übernahm Günter Goebel Ende 1971. Die von ihm als Herausgeber verantwortete erste Ausgabe erschien im Januar 1972 in der Pressag AG, Vaduz, Lichtenstein.

Das war eine jener vielfältigen Mini-Firmen, die ausschliesslich ihm gehörten (dazu später mehr). Die letzte von ihm verantwortete DON-Ausgabe erschien im Dezember 1972. Als Redakteur stand sein Pseudonym Guy Gilbert allerdings noch bis Heft 12/1976 im Impressum, wie auch sein Kürzel GG (das er grundsätzlich als Unterschrift verwendete) unter einigen Beiträgen. In seinen Jahren bei/mit dem schwulen Magazin ADAM lautete sein Pseudonym Georges Günter.

Zwischenbemerkung: Nach der ersten Reform des § 175 StGB im September 1969 hat sich kein Homosexueller getraut - weder bekennender, noch ungeouteter - eine Zeitschrift für Homosexuelle zu gründen, zu finanzieren und zu verlegen. Ob DU & ICH, him oder DON, alle wesentlichen, ab 1969 erstmals auftauchenden Homo-Magazine wurden von (mehr oder weniger) heterosexuellen Geschäftsleuten finanziert und herausgegeben. Diese Leute glaubten, einen neuen, und wie sie vermuteten lukrativen Markt, erschliessen zu können ... die aber auch - das muss anerkennend erwähnt werden - den Mut hatten, sich über die damals noch extreme gesellschaftlich-moralische Ächtung der Homosexuellen und eine in der Gesellschaft extrem verbreitete homophobe Stimmung hinwegzusetzen.

Günter Goebel jonglierte etwa zwei Jahrzehnte lang mit einem Netz von Minifirmen, die alle von ihm gegründet und unter seiner ausschliesslichen Regie agierten: Unter anderem der Apollon Verlag in Vlissingen/Niederlande, die Pressag AG in Vaduz/Fürstentum Liechtenstein, die Pressag GmbH in München, die Bifipress AG in Frankfurt/Main, die Druck- und Verlags AG in München usw. Ein wesentlicher Zweck dieses Firmen'netzes', verstreut über mehrere Länder, war das Manövrieren mit Steuern. Längere Zeit war Straßburg/Frankreich sein Hauptwohnsitz; auch Sitz mancher seiner "Firmenniederlassungen". Anfang der 80er Jahre wurde er wg. Steuerhinterziehung angeklagt und es kam zum Prozess, bei dem er seinen langjährigen, eckart-treuen Münchner Buchhalter Fred H. als Erfinder dieses Firmenspinnennetzes und Alleinverantwortlichen denunzierte. Das berichtete der mir, als ich schon keinen Kontakt mehr zu Günter Goebel hatte.

Extrem ausgeprägt war das pekuniäre Interesse des Geschäftsmannes Goebel, der versuchte mit allen und allem Geschäfte zu machen. So begann er etwa Mitte der 70er Jahre als Erster deutsche schwule Porno-Filme im Format Super-8 zu produzieren. Abgesehen vom Sex mit jungen Männern interessierten ihn weder das Thema Homosexualität, noch die Probleme von Homosexuellen; von homosexueller Emanzipation ganz zu schweigen. Wenn er - z.B. in DON 4/1972 - sogar persönlich mit Bild auftaucht (dort aber namentlich nicht genannt wird, auch nicht mit einem seiner Pseudonyme), dann deshalb, weil er sich darin sonnte, als  'Verleger' und 'Chefredakteur' zu agieren und angesprochen zu werden.

Ich erwähne all dies keineswegs, um den Mann schlecht zu machen, sondern weil nur so die Inhalte und die Qualität der zahlreichen von ihm herausgegebenen Homo-Publikationen nachvollziehbar und verständlich werden. Schliesslich habe ich jahrelang freiberuflich für ihn und mit ihm gearbeitet. Dabei konnte ich mich immer auf ihn - besonders in finanziellen Dingen - und er sich auf mich verlassen.

Zu seinen Funktionen als Verleger und Chefredakteur muss man allerdings wissen, dass es sich bei DON, ADAM und einer Reihe weiterer schwuler Bildermagazine ausschliesslich um auflagenschwache Zeitschriften gehandelt hat. DON überschritt in den Jahren 1970 bis 1984 niemals die Marke von 12.000 verkauften Exemplaren; ausgenommen einige Sonderhefte, die im Verlag des Henry Ferling erschienen. In der Redaktionszeit von Gerd Talis ist die verkaufte DON-Auflage sogar auf unter 7.000 Exemplare abgestürzt. Allerdings musste grundsätzlich - mindestens! - die doppelte Auflage gedruckt werden, denn die Zeitschriftenvertriebe verlangten die volle Bestückung im gesamten Netz des Handels. Das heisst, 40 bis 50% Remittenden (Hefte, die der Handel als unverkauft zurückgibt) waren die Regel (vergleiche Vorwort zu DON 3/73). Im Bahnhhofsbuchhandel, wo der schwule Käufer als anonyme Person auftrat, verkauften sich homosexuelle Publikationen sehr viel besser, als im Zeitungsladen oder im Kiosk um die Ecke.

Günter Goebel (rechts) mit vermutlich einem 'Neffen' (links) und Michael Holm (Mitte), Sekretär des schwedischen Reichsverband für sexuelle Gleichberechtigung und Chefredakteur der Schwulenzeitschrift REVOLT, bei einem Treffen in Schweden. In dem DON-Artikel der Ausgabe 4/1972, Seite 4, wird ausschliesslich der Name Michael Holm genannt.
Günter Goebel hatte nur mässige Beziehungen zur schwulen Szene, folglich auch nur minimale Kontakte zu homosexuellen Autoren, Fotografen, Grafikern usw. Ausserdem war er höchst ungerne bereit, für Texte, Fotos, Zeichnungen und Gestaltung überhaupt etwas zu zahlen. Unter seiner Ägide druckte man bevorzugt die von Lesern eingeschickten Geschicht(ch)en (die Leser schätzten sich glücklich, wenn ihre Elaborate gedruckt wurden), übernahm Artikel aus anderen Zeitungen und Zeitschriften, Magazinen oder Büchern, und er war froh, dass er in dem schwulen Journalisten Johannes Werres einen regelmässigen Lieferanten für bi- und homosexuelle Artikel und Meinungen, Kritiken und 'News' hatte.

Bilder, Fotos und Illustrationen wurden (auch vom späteren Verleger Henry Ferling) ohne besondere Ansprüche an das Material zu stellen, gerne 'pfundweise' zu Schnäppchenpreisen eingekauft, egal wie oft und wo diese Abbildungen bereits veröffentlich worden waren. Viele Fotos tauchten, über die Jahrgänge verteilt, immer wieder in den Publikationen von Goebel und Ferling auf. Gerne wurde auch kostenloses Firmenmaterial (siehe TOM men’s shop, Zürich, der Link führt zu Details über Thomas Wetzel in DON 4/1978) verwendet, was mit entspr. Reklame-Artikeln "honoriert" wurde.

DON Vorwort Ausgabe 6/1975
Das Layout der Hefte wurde viele Jahre lang u.a. von den Setzern der Druckerei des Henry Ferling - Pardon! - zusammengeschustert. Fehlten die Anreisserzeilen auf der Titelseite oder das Vorwort auf Seite 3, ergänzte sie der Druckereiinhaber noch schnell persönlich. Solange Günter Goebel für die Inhalte von DON und ADAM zuständig war, waren 90% der in diesen Heften auftauchenden Namen von Redakteuren und Autoren frei erfunden.


PS. Die Aufnahme von Günter Goebel, am Anfang dieses Posts, habe ich im Oktober 1968 (da war er 37 Jahre alt) in den Räumen der Werbeagentur Pressag AG in der Münchner Thierschstrasse von ihm gemacht.