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Freitag, 7. März 2014

DON - The German Gay Magazine 1983 (Heft 8).


DON 8/1983 erscheint im August 1983. Der Verlag Henry Ferling in Darmstadt ist wieder die für alles zuständige Anschrift. Den Inhalt gestaltet ein "Autorenteam".

Illustation der Titelseite: Roger Payne 


Zu DER SPIEGEL: Tödliche Seuche AIDS, die rätselhafte Krankheit

">Der homosexuellen Emanzipation schweren Schaden zugefügt< ... Anstelle sich mit den Tatsachen, dem tödlichen Problem und den eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen, geht ein Aufschrei durch die schwule Branche. Diskriminierung! Sensationslüstern! Diffamierung! Die beiden letzten Ausdrücke stammen aus DU & ICH, das am lautesten protestiert. Anstelle seinen Lesern eine sachlich-kritische Analyse des SPIEGEL-Artikels anzubieten ... Viertens: Der AIDS-Artikel hat ein entsetzliches Problem in die öffentliche Diskussion katapultiert, das vorher nur unter der Hand gehandelt wurde und nicht einmal den Verantwortlichen Kopfzerbrechen machte ... "


Gute Wünsche aus Stäfa am Zürichsee
Der erste Leserbrief, links oben, stammt von Alexander Ziegler, der "die neue redaktionelle Gestaltung" und "die "vortrefflich aufeinander abgestimmte Kombination der Inhaltsthemen" begrüsst und sich auch sonst positiv-kritisch mit dem neuen DON-Konzept auseinandersetzt.
       Dieser Leserbrief wäre so natürlich nie geschrieben worden, hätte Ziegler gewusst, dass Inhalt und Optik des total 'überholten' DON von einem gewissen Jens M. A. Reimer stammten.

Drei empörte Leserbriefe (Soviel Fäkaliendeutsch ... Davon geht die Welt nicht unter ... Glatter Hohn) gehen mit Sprache, Stil und mehreren Beiträgen des 'neuen' DON auf's Heftigste ins Gericht. Ich weiss nicht recht, ob die Verfasser diese Briefe auch dann geschrieben hätten, wenn sie gewusst hätten, welchen Gefallen sie mir damit bereitet haben: Denn Zündstoff sollte DON nicht nur (wieder) inhaltlich bieten; Zunder von Lesern machte (endlich) auch die Leserbriefe zur spannenden Lektüre.


Vorbemerkung: 1983 ist Polen (noch) kommunistisch. 1980 gründet sich die Gewerkschaft Solidarność. Von 1981 bis 1983 herrscht in Polen Kriegsrecht!

"Der 'Triumphzug' von Johannes Paul II. durch Polen war überwältigend. Die Auftritte dieses lieben, strahlenden Wojtyla fordern Sympathie heraus. Von jedermann. Aber Vorsicht! Hier geht es um Macht und Einfluss der katholischen Kirche. Und um einen reaktionären Papst, der unter anderem auch gegen Homosexualität zu Felde zieht ... Und hatte sich die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten noch so einigermassen zurückgehalten, wenn es um Homosexuelle und Schwule ging, so ist es ausgerechnet dieser Johannes Paul II., der das christliche Prinzip der Homophobie mit Nachdruck wieder auspackt und, wo immer er ausreichend Öffentlichkeit hat, den Gläubigen vorbetet. Am liebsten ... auf seinen weltweiten Tourneen, denn da ist ihm grösstmögliche Resonanz gewiss ... "



Lederfans werden vor "übelsten Folgen" - gesundheitlichen Risiken - bei Verwendung von imprägnierenden Ledersprays gewarnt (Bundesgesundheitsamt).

Die pro-familia-Einrichtung "in Emden übernimmt nun auch Beratungen in Fragen Homosexualität ... Damit wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass - nach Erkenntnissen der pro-familia - mindestens 46 Prozent der Bevölkerung ... Erfahrungen mit der Homosexualität machen ... "

Margaret Thatcher, 1925-2013, 1979-1990 Premierministerin des Vereinigten Königreichs, führte nicht nur auf den Falkland-Inseln Krieg ... " ... denn die 'Eiserne Lady' und ihr Regiment führen schon seit Jahren einen noch ganz anderen Feldzug. Den gegen die homosexuellen Briten. Es wurde mit eiserner Hand unter den schwulen Publikationen des Inselreiches aufgeräumt. Schwule Treffpunkte jeglicher Art werden ... regelmässig durchkämmt, erkannte und entdeckte homosexuelle Besucher der Insel werden unnachgiebig aufs europäische Festland zurückbefördert. Callboys und Strichjungen werden wie Freiwild verfolgt ... "


Bonn will mit schwulen Nazi-Opfern nichts zu tun haben. "Mit Homosexuellen könnte man sich zu leicht lächerlich machen, wenn es um so ernste Themen wie 'Die Deutschen und der Nationalsozialismus' geht. Dass die Verantwortlichen der Stadt Bonn und dortige kirchliche Behörden so denken, kritisiert die HAB in einem Flugblatt von Werner Janik ... " (der die Verantwortlichen entlarvende Text ist in Gänze hier abgedruckt)

Bremer Schwulen-Festival. "Das 'Bremer Blatt' spricht von einem Feuerwerk von Veranstaltungen zur Homosexualität und Bisexualität, das in der Zeit vom 16. bis 22. September im Schlachthof stattfinden wird ... "

NEUE REVUE. " ... Um so erfreulicher nehmen sich dagegen gleich zwei Serien der 'Neuen Revue' aus, hinter denen sich fundierter Sachverstand vermuten lässt. Einmal ist da der Themenkomplex >Wie unsere Jugend die Liebe entdeckt<, wobei uns der Artikel >Selbstbefriedigung - Was tun, wenn der Sohn heimlich onaniert?< auffiel ... Der Artikel baut auf die Ansicht von Prof. Dr. Helmut Kentler auf ... >Liebe von A-Z< behandelt das >Lexikon ohne Tabus<, das der Vorsitzende der Deutschen gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Prof. Dr. Ernest Bornemann, exklusiv für die 'Neue Revue' geschrieben hat ... "


Homosexuelle Widerstandskämpfer "hatten sich im 'Dritten Reich' gegen zwei Seiten gleichzeitig zu behaupten: zum einen gegen die nationalsozialistischen Machthaber, zum anderen gegen die Schwulenfeindlichkeit innerhalb der antifaschistischen Bewegung selbst. Auf diese tragische Verkopplung wies der Berliner Geschichtsforscher und Autor Manfred Herzer in einem Vortrag über >Schwule Widerstandskämpfer gegen die Nazis 1933 bis 1945< in der Dahlemer Rostlaube (Berlin) hin ..."

Mord als Experiment. Volker Dreesbach, 22, Strichjunge " ... ermordete am 3.11.1982 in Köln Jürgen Dohlen, 24, mit 29 Messerstichen ... um >zu erfahren, ob man dazu fähig ist und ob man nachher weiterleben kann wie zuvor< ... ". Das Drama um diese beiden Schwulen ist heute noch im Archiv vom SPIEGEL 25/1983 nachzulesen.

43 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Der Bonner Rechtswissenschaftler und Hochschullehrer Friedrich-Wilhelm Bosch (1911-2000) in der 'Zeitschrift für das gesamte Familienrecht' ... dass die >Duldung der Homosexualität und grosszügige Behandlung solcher Tatbestände durch die Gerichte nicht die Aufgabe der Rechtsordnung' sein könne ... Abnormität, Dekadenz im Sexualbereich< wäre nicht selten >ein Vorbote totalen Zusammenbruchs eines Volkes< ...

Der heterosexuelle 26jährige Al Corley (*1956) machte Fernsehgeschichte, als er in der TV-Serie 'Denver Clan' den bisexuellen Sohn, Steven Carrington, spielte, einen der ersten auch-schwulen Charaktere im US-Fernsehen. Corley wurde durch diese Rolle berühmt. Das deutsche Müll-Blatt 'Wochenend' behauptete "Lockenköpfchen Steven - Alle heissen Männer sind scharf auf ihn" und nicht nur den Süssen spiele, sondern selbst >einen Touch dorthin< habe.


"Immer häufiger liest man heutzutage Kontaktanzeigen, in denen ungeniert Partner für SM- und sogenannte 'Erziehungsspiele' gesucht werden. Lust-Extreme dieser Art führen zu Nötigung, menschlicher Erniedrigung und - wie jüngst wieder - zu Todesfällen. Am Fall Werner Z. wollen wir aufzeigen, inwieweit in dieses Sexgeschehen auch faschisttoide Tendenzen hineinspielen  ... Extreme wie SM (Sadismus und Masochismus), sexuelle gewaltausübung und sogenannte 'Erziehungsspiele' gelten als 'in'. Immer wieder liest man in der Tagespresse von Körperverletzungen und Todesfällen, die durch solche Spielarten, oft in der schwulen Szene, entstehen ... weil im sexuellen Rauschzustand die Grenzen des körperlich Erträglichen hemmungslos überschritten werden ... "

Der Autor analysiert die Magazine TOY und MR SM aus dem Revolt-Verlag und beschäftigt sich mit den 'Bewerbungsunterlagen" (Training gefällig?) für die 'Ausbildung zum Vollzögling'.


"Homophile Menschen sind modisch aufgeschlossen. Andere Homoblätter bringen deshalb ... modische Tipps für Männer. DON hat das bisher sträflich vernachlässigt. Aber heute präsentieren wir drei Hobby-Modisten mit ihren Ideen zum Selberschneidern ... " Ein Satire.


Fünf Seiten lang bemüht sich DON seine Leser über den (zu diesem Zeitpunkt bekannten) aktuellen Wissensstand über AIDS zu informieren.


"Welche Absichten verfolgen eigentlich Journalisten, wenn sie in der Schwulenpresse gegen Äusserungen oder Ansichten, gegen Institutionen oder Vorkommnisse zu Felde ziehen? Bei manchen Lesern homosexueller Blätter herrscht ein arges Missverständnis darüber, was wohl der Sinn und Zweck derart engagierter oder gar polemischer Berichterstattung sei. In diesem Beitrag möchten wir unseren Lesern darlegen, welches Ziel DON verfolgt, wenn es Themen mit spitzer (oder gar überspitzter) Feder aufgreift ... "


Ein mehrseitiger Beitrag über Aubrey Beardsley (1872-1898). "Angelo d'Arcangelo schreibt in seinem 'Verzeichnis praktizierender Homosexueller' über Aubrey Vincent Beardsley >Brillanter Zeichner und ungewöhnlich talentierter Künstler. Schwach. Starb jung. Hinterliess aber schöne Pornographie<. Beardsley, der nicht einmal 26 Jahre alt wurde, gilt in der englischen Kunst als eine der ungewöhnlichsten Erscheinungen seit William Blake. Schon drei Jahre, nachdem er neunzehnjährig in der Öffentlichkeit Englands bekannt wurde, sprach man von der 'Beardsley Periode' ... "

Mittwoch, 18. September 2013

DON - The German Gay Magazine 1980 (Hefte 11 und 12)


DON 11/1980 erscheint im November 1980. Die Redaktion unter der Leitung von Gerd Talis (siehe auch gay journal) befindet sich in Heidelberg.


Jeans-Allergie: "Hautärzte raten allen Jeans-Freunden dringend, nicht 'unten ohne' unter den Jeans zu gehen ... "

Persönliche Animositäten gegenüber tuntigen Kollegen und Regisseuren: "Albert Mol, bekannter niederländischer Schauspieler, Kabarettist und Damenimitator möchte nicht >unter denen und mit denen spielen< ... "

Müdmänner: "Hetero-Männer schlafen abends, nach einer WamS-Meldung, neuerdings lieber ein, als mit ihrer Angetrauten Sex zu machen ... "

Rosa Listen und Stuttgarter Zeitung vom 16.8.1980: In >Zwei Seiten eines widerlichen Geschäfts< heisst es 'Einige Bedürfnisanstalten sind inzwischen die reinsten Männerbordelle geworden. Wir haben hier internationales Publikum' ... [deshalb] "beobachten städtische Behörden und Sittenpolizei ständig insgesamt 60 Bedürfnisanstalten ... "

Der polnische Johannes Paul II., 1978 zum Papst gewählt, will Deutschland vom 15. bis 18. November besuchen. " ... Sollten Homos etwa in den Kirchenzeitungen Leserbriefe veröffentlichen? Sollten sie Transparente zeigen? ... Die HuK-Gruppen (Homosexuelle und Kirche) sind angesprochen."

 Rosa Listen II : "Innerhalb der Hamburger Schwulen- und Lesben-Gruppe 'Unabhängige Homosexuelle Alternative (UHA)' wurde eine feste Arbeitsgruppe 'Rosa Listen' gegründet ... "


Cruising ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 1980. Regie führte William Friedkin, der auch das Drehbuch schrieb. Erzählt wird die Geschichte eines Serienmörders, der in den 1970er Jahren in New York homosexuelle Männer tötete. Den Polizisten, der die in der schwulen Lederszene spielende brutale Mordserie aufklären soll, spielt Al Pacino.

Auch K.R. Adam, der Autor dieses Beitrags, war und ist mir bis heute ein Unbekannter.


">Mit dem Tuntenexpress nach Schwesterland<, so hiess es unlängst im Artikel einer deutschen Schwulenzeitschrift. Gemeint war ein Sonderzug mit Tanzwagen, der während der Sommermonate regelmässig sonntagmorgens von Hamburg nach Westerland auf Sylt fährt ... "


DON 12/1980 erscheint im Dezmber 1980. Die Redaktion unter der Leitung von Gerd Talis (= Gerhard Friede) (siehe auch gay journal) befindet sich in Heidelberg.

In der 12. Ausgabe unter der Regie von Gerd Talis (= Gerhard Friede) , erscheint erstmals ein korrigiertes Impressum.: "Ständige Redaktionsmitarbeiter" R. K. Adam, Wenzel Böhmak [= Pseudonym], Walter Hilbrecht [Homo-Geschichten], Urs Kent, Andy Müller.


Berichtet wird über einen Homo-Puff im niederländischen Den Haag, in dem schwuler Sex verkauft wird. Der geile Bericht und die bebilderten schnuckligen Prostituierten lassen eher den Eindruck einer Bordell-Reklame bzw. einer Besuchs-Empfehlung entstehen. Jedenfalls findet sich in all den Zeilen kein einziges hinterfragendes, geschweige denn kritisches Wort.


Autor K. R. Adam


Hier gelangen wir zu einer DON-Spezialität, die sich während der 4 Jahre währenden DON-Talis-Redaktion peu à peu ausweitete: Der (manchmal seitenweise) Abdruck/Nachdruck von Pressemitteilungen, Papieren, Briefen und Äusserungen von Parteien/Politikern u.ä.

Rechte Seite unten: Erstmals erscheint in DON eine Anzeige für das gay journal, eine Schwulen-Zeitung, erschienen zwischen 1972 und 19**, herausgegeben und weitgehend alleine geschrieben von Gerd Talis (= Gerhard Friede). Im Web findet sich - ausser in DONs gay-history.blogspot.com - kein einziger Hinweis auf das gay journal, noch auf Gerd Talis (= Gerhard Friede).




" ... wird noch immer heiss debattiert, ob man sich nun als schwul oder als homosexuell (homophil, homotrop usw) bezeichnen soll. Regt 'schwul' die Leute auf? Ist 'homosexuell' gar 'seriöser'? Geht es bei dieser Debatte wirklich um die Sache? Sind es Wortklaubereien? Schreiben Sie uns Ihre Meinung! ... " Es folgen ein die Begriffe erläuternder Beitrag und ein (erster) Leserbrief.

Mittwoch, 9. Mai 2012

DON - The German Gay Magazine 1974 (Heft 1 bis 4)


DON 1/74 erscheint im Januar 1974.
Untertitel "Das grosse deutsche Magazin für Männer und ihre Freunde"
Herausgeber unverändert HF-Druck, wie DON 1/1973
Redaktionsleitung und Redaktionsanschrift wie DON 10/1972


In DON 4/1972 - nur 3 Ausgaben nachdem Guy Gilbert = Günter Goebel die Redaktionsleitung übernommen hat - taucht erstmals ein Beitrag von Johannes Werres auf. Seither wird in dem Magazin ganz regelmässig für den nicht nur in Schwulenkreisen umstrittenen Arztes und "Wissenschaftlers" Dr. Willhart Siegmar Schlegel (Werres Freund und Arbeitgeber) und seine Thesen - Reklame gemacht, wenn Schlegel nicht (siehe "Die Bisexualität des Mannes") sogar selber zu Wort kommt.

Nach intensiver Durcharbeit  der letzten 21 Ausgaben stelle ich erstaunt fest: Bei den von Werres und Schlegel behandelten Sachthemen dominiert - in dem Schwulenmagazin (!) DON - das Thema Bisexualität.



Hat DON ein Alibi nötig?

"Einige freundschaftliche Bemerkungen an unsere geschätzten Kollegen von >him< zum Beitrag in ihrer Ausgabe vom Dezember 1973, Seite 30 uf.: >Homosexuelle Publizistik in Deutschland<.

Bei einer sich kritisch gebenden Würdigung deutscher homophiler Zeitschriften aus der Feder eines amerikanischen Journalisten namens Kent A. Zneider (Pseudonym?), aus Los Angeles - angeblich mit dem Chefredakteur einer deutschen Homo-Zeitschrift befreundet - kommt unser DON garnicht besonders gut weg. Dies ganz offenbar, weil wir dem geschätzten Kritiker nicht intellektuell genug erscheinen.

Ganz bescheiden möchten wir unsere Meinung dahingehend Ausdruck geben, dass wir es nun einmal für richtig halten, uns von den anderen beiden Zeitschriften für Homosexuelle zu unterscheiden. Weder wollen wir den sterilen, hoch in den Wolken schwebenden Intellektualismus, der nur von wenigen Philologiestudenten verstanden und goutiert wird, noch liegt uns daran, mit effektvollen, der Sensationspresse abgeschauten journalistischen Stilmitteln nur einen ganz bestimmten Prozentsatz homosexueller Leser für uns zu gewinnen. ....

.... Es ist bekannt, dass sich die >Intellektuellen< immer als etwas Besseres vorkommen. Mögen sie! Das homosexuelle >Fussvolk< lässt sie gewähren. Sie und die zahllosen, meist aus Studenten gebildeten homosexuellen Emanzipationsgruppen und Initiativzellen, Aktionen usw., sie sollen ruhig in Ideologie machen und sich abstrakter Ideen wegen in die Haare geraten... "

Dieser Artikel ist - ausnahmsweise - einmal nicht von Johannes Werres. Der mir wohl vertrauten Diktion und Verbindlichkeit nach hat ihn der Druckereibesitzer und DON-Verleger Henry Ferling [ab der nächsten Ausgabe erscheint er erstmals mit vollem Namen im Impressum!] verfasst. Das FDP-Mitglied Ferling betrachtete das Magazin auch als ernsthaftes Engagement und war auf sein Produkt ziemlich stolz.

In diesen Zeilen erklärt sich auch, warum Johannes Werres in diesen Jahren sein konservatives Gedankengut - inkl. wütender Aversionen gegen alles Linke und die schwulen Emanzipationsgruppen - ungefiltert und uneingeschränkt in DON-Beiträgen abladen durfte (siehe hierzu Werres Beitrag "Utopien, Theorien, Notwendigkeiten" in der folgenden Februar-Ausgabe). 1974 noch teilte Ferling diese Ansichten weitgehend. Allerdings hat er, ganz im Gegensatz zu Werres, in den folgenden Herausgeberjahren seine Einstellung differenziert und den Realitäten angepasst, denn tatsächlich waren es ja die "in Ideologie machenden Emanzipationsgruppen mit ihren abstrakten Ideen", die das Coming Out der Schwulen aus ihrer gesellschaftlichen und politischen Isolation in Deutschland eingeleitet haben.



DON 2/74 erscheint im Februar 1974.
Untertitel "Das grosse deutsche Magazin für Männer und ihre Freunde"
Herausgeber ist jetzt offiziell der Druckereibesitzer Henry Ferling, Darmstadt. Vorher HF-Druck, siehe DON 1/1973
Redaktionsleitung und Redaktionsanschrift wie DON 10/1972


Siehe hierzu den Beitrag "Hat DON ein Alibi nötig?" in der vorangehenden Januar-Ausgabe.

"Utopien, Theorien, Notwendigkeiten" ist - erstmals in DON - in einem verbindlichen, die Diskussion suchenden Werres-Ton gehalten. Ich vermute, der Herausgeber Ferling hat ihn dazu angeregt. Was Werres nicht hindert - kurz vor Artikelschluss - doch noch etwas auszuteilen:

"Damit bin ich bei einem weiteren Punkt: der homophilen Buchproduktion ... Was wir brauchen, sind Sachbücher mit deutlich aktueller Alltagsbezogenheit, Bücher die sich mit Fragen beschäftigen, die den Homosexuellen auf den Nägeln brennen. Bedauerlicherweise kann ein Fassbinder ja keine entsprechenden Filme drehen, die wir dringender brauchen als Filme über Knabenmörder ... Auf Streifen wie den von Praunheim können wir weitgehend verzichten ..."


Es gibt keine Verführung zur Homosexualität!
"Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, § 175 Absatz 1, 1 des StGB sei verfassungskonform, wird aus Kreisen von Betroffenen heftig attackiert. Vor allem wenden sich diese Homosexuellen ... gegen die wissenschaftlich veraltete Thse von der Möglichkeit, einen Jugendlichen während der Pubertät durch sogenannte homosexuelle Verführung lebenslang fixieren zu können. Diese pseudowissenschaftliche These, so der Publizist Johannes Werres, werde nur bei uns in Deutschland verfolgt ..." schreibt der Autor des Beitrags, Johannes Werres, mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse und die Einstellung dazu in den USA und den Niederlanden.

Kehrtwende durch junge Jesuiten?
Tatsächlich hat sich diese Frage - hier aufgehängt an einer nachdenklichen Publikation "Sexualmoral ohne Normen", herausgegeben von jungen katholischen Theologen, Jesuiten der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main - nie und nimmer gestellt, denn es waren immer nur Einzelne, die sich - zumeist sehr dezent - ein Nachdenken über die strikte katholische Sexualdoktrin erlaubten. Schon 4 Jahre später - im Jahre 1978 - übernimmt der homophobe Pole, Johannes Paul II., den Vorsitz der Jahrhunderte alten, grössten Schwulen-Diskriminierungs-Organisation. Und sein bayerischer Nachfolger - Papst Benedikt XVI. - hat u.a. die Anti-Schwulen-Agitation auf die Spitze getrieben.


Edwin Hardy Amies (1909 - 2003) war ein britischer Mode-Designer, der Anfang 1946 sein 'couture fashion house business Hary Amies Ltd.' für luxuriöse, hervorragend geschneiderte Damen- und Herrenmode in London eröffnete. Den Ursprungsladen in der Savile Row gibt es heute noch, spezialisiert auf klassische Herrenmode. Seine Homosexualität behandelt er bis in die letzten Jahre seines Lebens sehr diskret.

Die Vorstellung der "Modesilhouette ... von unserem Auslandskorrespondenten Jean-Poule Theodorius aus London" würde ich als ziemlich exotisch bezeichnen: "Das Frühjahr steht vor der Tür ... Die Linie des neuen Anzugtyps ist natürlich. Stoffmaterial und Farben sind vielversprechend ... bestechende Eleganz, egal ob Sie sich für grün, braun oder grau entscheiden ... Achten Sie bei Ihrem nächsten Anzug- oder Hosenkauf auf diese Kriterien ..."


" ... Vier Monate sahen sich Singapurs Journalisten [Zeitung "New Nations"] in der Subkultur der dortigen Homosexuellen um ..." Die Beiträge in "New Nations" wurden übersetzt und bearbeitet von Johannes Werres.

"Ohje Freunde, ihr schlaucht mich ganz schön. Eure Fragen werden von Mal zu Mal komplizierter ... " Das war geflunkert. Solche 'schönen' Leserfragen hat es kaum gegeben, ich habe sie zumeist frei erfunden - wie ich hier schon einmal schrieb.


DON 3/74 erscheint im März 1974.
Untertitel "Das grosse deutsche Magazin für Männer und ihre Freunde"
Verleger ist Henry Ferling, Darmstadt. Entspricht HF-Druck, siehe DON 1/1973
Redaktionsleitung und Redaktionsanschrift wie DON 10/1972


Hier gleich noch ein Text des Druckereibesitzers und DON-Herausgebers Henry Ferling (siehe obiges DON 1/74, Hat DON ein Alibi nötig?)

Dieser Beitrag hat zu Reaktionen geführt, die Ferling veranlassen, den Lesern (wieder einmal) die erheblichen Probleme darzustellen, die Publikationen mit einem kleinen Leserkreis auf dem Zeitschriftenmarkt haben: Von der Muss-Bestückung quasi jeden Kiosks von Flensburg bis Garmisch, von Aachen bis Zwiesel (BRD vor der Wiedervereinigung) mit DON-Exemplaren ... warum 50% mehr gedruckt und verteilt werden, als tatsächlich verkauft werden (Remittenden) ... die Abrechnung durch die Grossisten erst 2-3 Monate nach Auslieferung ... der Mangel an kommerziellen Anzeigen (wichtigste Einnahmequelle aller gösserer und grosser Zeitungen und Zeitschriften, wie Stern und Spiegel) ... bis zu den vielfältigen Herstellungskosten für Papier, Satz, Lithographie, Druck, Redaktion, Bebilderung ...


Suche Freund...
ein Report über Partnersuche von GAY NEWS (= Johannes Werres)

"Was DON hiermit unternimmt, hat bisher noch keine deutsche Homosexuellen-Zeitschrift versucht: alle Möglichkeiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen, durch die man heute zu einem Sexualpartner gelangen kann.

Das ist ein ziemliches Stück Arbeit und gar nicht ungefährlich, teilweise zumindest heikel. Nach vier Monaten Vorbereitungszeit sind wir noch nicht sehr viel weiter gekommen ... Einige Unternehmen passen; wir müssen sie erneut anschreiben oder sogar besuchen ..."

Weder gibt der Artikel auf die Frage in der Überschrift irgendeine Antwort, geschweige denn Anhaltspunkte auf "kritische Prüfung". Anstelledessen zählt er Orte auf, wo Schwule sich treffen ("in Parks gehen, bestimmte Bedürfnisanstalten aufsuchen..."), bejammert dass die Leser nicht mitmachen / nichts berichten, Firmen keine Antworten geben, erzählt über einen noch nicht erschienenen German Gay Guide und druckt den Werbebrief eines Euro-Kontaktservice (Büro Fehrle) und weitere 2 Adressen von [fragwürdigen?] Vermittlern ab.


"Die Kirche sollte in Zukunft verantwortungsbewusste und dauerhafte Partnerbindungen akzeptieren und die homosexuellen Christen zu allen Sakramenten zulassen..." wird aus einem Leserbrief an >Publik-Forum<, einer "Zeitschrift füt linksliberale, fortschrittliche deutsche Katholiken" zitiert.

Ein verheirateter Verwaltungsamtsrat (56), gegen den wegen dringenden Tatverdachts, einen 22jährigen Metzger, zu dem er gleichgeschlechtliche Beziehungen unterhielt, niedergestochen zu haben, Haftbefehl erlassen worden war, hat sich mit einem Pflanzenschutzmittel vergiftet.

An Händen und Füssen gefesselt, in zwei Schlafsäcke verpackt, einen Plastikbeutel über dem Kopf, wollte sich ein 29 Jahre alter masochistisch veranlagter Automatenaufsteller auspeitschen lassen, aber nach dem dritten Schlag war er schon erstickt..

Vier Morde an jungen Männern, die "an Orten, wo sich Homosexuelle treffen" stattfanden. "...auch steht bei den Opfern fest, dass sie homosexuell veranlagt waren, bzw. in einschlägigen Kreisen verkehrten".



DON 4/74 erscheint im April 1974.
Untertitel "Das grosse deutsche Magazin für Männer und ihre Freunde"
Verleger ist Henry Ferling, Darmstadt. Entspricht HF-Druck, siehe DON 1/1973
Redaktionsleitung und Redaktionsanschrift wie DON 10/1972


Die DON-Ausgabe enthält alleine 7 Homo-Geschichten.


Klaus Ohnehage (Pseudonym von Johannes Werres?), denn am Schluss werden das Lexikon der Sexualität und andere Werke von Dr. Willhart Siegmar Schlegel empfohlen) thematisiert werden Sex im Park, im Dunkeln, in Bedürfnisanstalten ("Ohne einen gewissen Sexstau ist das nicht zu schaffen"), Onanie ("Zur Onanie treibtes viele nur dann, wenn die Drüsen überlaufen wollen..."), Pornographie und Onanie, Oananie-Apparaturen ("ein Apparat kennt die eigenen Sexzonen nicht"), Gruppensex, Promiskuität... "An all den erwähnten sexuellen Verkehrsarten fehlen wesentliche Elemente des Vorspiels, des sexuellen Vollzuges und der instinktiven Endhandlung."

Der eher an moralische Belehrung erinnernde Text liest sich wie von einem, der "studierte Theologie in Bonn, nach der Teilnahme am 2. Weltkrieg Eintritt ins Priesterseminar, wurde 1947 wegen Homosexualität noch vor der Priesterweihe ausgeschlossen". Vgl. Biographie in meinem Blog-Eintrag Johannes Werres

.


Loriot hätte zu dieser Überschrift sein berühmtes "Ach was!" gesagt.

Gemäss dem Thema, seiner Ausführung und der Diktion (und der Plattitüden) tippe ich auf Johannes Werres als Autor:

"Auch von jungen Leuten kann das Altwerden nicht geleugnet werden ... Die Aussicht, noch fünfzig oder sechzig Jahre Jahre vor sich zu haben, ist verführerisch ... Männerfreundschaften sind leichter geschlossen, als Ehen und noch viel leichter gelöst ... Dem instinkgetrübten Zivilisationsmenschen bleibt es vorbehalten, alleine nach der Lust des befriedigenden Triebes zu streben und sein Leben zu verlüsteln ... Da ist das alte Mütterchen, abgerackert und einsam in seinem möblierten Zimmer: noch stolz darauf, dass es ein leben lang nichts weiter kannte als Sorge für Mann und Kinder. Es lebte nur seinen Bemutterungstrieben und versündigte sich an seine Menschtum ... Man sagt, dass das Alter für den Homophilen penibler sei als für den Heterosexuellen ..."

Wie schon früher einmal gesagt, hielt ich den Verleger und Druckereibesitzer Henry Ferling für einen klugen, intelligenten Mann. Dass er Werres Texte - am laufenden Band - unbesehen druckte, ist mir im Nachhinein ein Rätsel.